Ende des Luthertums in der EKD?

- Hat das Vergessen der lutherischen Theologie zum Niedergang der evangelischen Landeskirchen und der EKD beigetragen? -

 

Diese These vertritt sinngemäß der Theologe und Historiker Benjamin Hasselhorn in seinem Buch „Das Ende des Luthertums?“, erschienen 2017, Ev. Verlagsanstalt Leipzig. Er schreibt einleitend, dass er sein Buch für diejenigen geschrieben hat, „die sich über vieles wundern, was in der evangelischen Kirche geschieht, die bei den meisten Gottesdiensten etwas vermissen und die sich fragen, woher dieser Zustand eigentlich kommt.“ Er sieht als Ursache dafür „dass innerhalb der evangelischen Kirche in Deutschland das Luthertum nicht mehr wirklich zum Tragen kommt.“ Hasselhorn benennt leider nicht ausdrücklich, dass anstelle des Luthertums weithin neocalvinisch-reformierte Theologie getreten ist.

 

Der Feststellung Hasselhorns, dass das Luthertum kaum noch zum Tragen kommt, muss leider zugestimmt werden. Dann aber wäre der Name „Evangelisch-lutherische Landeskirche“ nahezu irre-führend, es sei denn, man verstehe ihn lediglich als historische Herkunftsbezeichnung. In gewisser Weise gilt das auch hinsichtlich der unierten Landeskirchen und des Gesamtverbandes der EKD, die sich zwar nur als „Evangelisch“ bezeichnen, in deren Verfassung aber steht, dass das evangelisch-lutherische Bekenntnis und das calvinisch-reformierte Bekenntnis nebeneinander gelten. Unabhängig von deren inhaltlichen Unvereinbarkeit kann in der Praxis von einem Nebeneinander aber kaum noch die Rede sein.

 

Zwei unterschiedliche Theologien und Bekenntnisse in der EKD

 

Nun kann man fragen, weshalb denn der reformatorisch lutherischen Theologie eine besondere Bedeutung beigemessen werden soll. Es gab doch auch die schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin und andere. Nun, die Reformation Luthers stand am Anfang, hat sich besonders eng an die Bibel gebunden (sola scriptura) und war deshalb allgemein prägend, besonders in Deutschland. Die weiteren reformatorischen Bewegungen waren mittelbar durch die lutherische Reformation ausgelöst und kamen zeitlich etwas später. Zwischen den lutherischen und den anderen Reformatoren gab es viele Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen, aber eben auch unterschiedliche Schwerpunktsetzungen und theologische Differenzen. Die wurden häufig damit begründet, dass man die von Luther begonnene Reformation konsequenter weiterführen und zur Vollendung bringen wolle. Dabei „schüttete man leider auch das Kind mit dem Bade aus.“ Man ließ sich oft mehr von einem anti-röm.-kath. Affekt und Protest und humanistischem Rationalismus leiten, als unvoreingenommen von den Aussagen der Heiligen Schrift. Deshalb sagte Luther zu Zwingli: „Ihr habt einen anderen Geist.“ Das ist festzustellen in Hinblick auf die Unterschiede im Verständnis der Taufe, des Abendmahls, des Predigtamts, der Institution der Kirche und der Gestaltung von Gottesdienst und Kirchraum. Aus calvinisch-reformierter Sicht werden Taufe und Abendmahl nur als Glaubens- und Bekenntnisakt (Werk) des Menschen verstanden und nicht als ein persönlich von Gott erfahrenes Gnadengeschehen (Werk Gottes). Abgelehnt werden auch kirchliche Traditionen, selbst wenn sie nicht im Widerspruch zur Bibel stehen.

 

Andererseits übernahm calvinische Theologie röm.-kath. Sicht- und Verhaltensweisen, gegen die Luther gekämpft hatte. Die Gemeindeglieder wurden bevormundet, überwacht und im Falle von Fehlverhalten wurde rigoros Kirchenzucht an ihnen geübt, um sie damit zu tadellosem Leben und zu guten Werken zu treiben. Heute treibt man mit unzähligen kirchlich gesellschaftspolitischen Appellen. Das Treiben aber ist ein Einfallstor für die falsche Sicht, dass man sich die Seligkeit doch irgendwie verdienen müsse (theologisch „Gesetzlichkeit“ und „Werkgerechtigkeit“). Aber es gilt, allein durch Christus und allein aus Gnade wird der Mensch selig (solus Christus und sola gratia).

 

Theologische Ursachen für die Politisierung der Kirche

 

Calvinische Theologie beansprucht, ständiger Ratgeber, Mitgestalter und Wächter der Politiker und des Staates zu sein. Der reformierte schweizer Theologe Karl Barth hat diese Theologie aktualisiert. Sie entspricht der römisch-katholischen wie auch der östlich-orthodoxen Sichtweise. Die Trennung von Staat und Kirche ist in Frage gestellt. Das geschieht unter dem Anspruch, dass man für eine ungeteilte „Königsherrschaft Jesu Christi“ in Welt und Kirche eintrete. Das Reich Gottes soll auf Erden schon schrittweise und stückweise sichtbar werden. Um des Zieles der Weltverbesserung wird nur sehr begrenzt zugestanden, dass Christen in Politik und Welt zu verantwortbaren unterschiedlichen, ja zu gegenteiligen Meinungen kommen können. Aber kann die gefallene Welt und der gefallene Mensch vor dem Jüngsten Tag von grundauf gebessert werden? Jesus, die Apostel und die Offenbarung sprechen von der letzten Zeit der Gesetzlosigkeit, des Glaubensabfalls und der satanischen Bosheit. Es wird auch verkannt, dass es in der Welt auch um viele glaubensneutrale Fragen (Mitteldinge) geht. Zum anderen sind auch Christen und kirchliche Institution nicht frei von Irrtum und Sünde. Wie sich der Glaube im Alltagsleben des Christen konkretisiert – die Liebe zu Gott und dem Nächsten – das liegt in der Verantwortung des Einzelnen vor Gott. Dazu braucht es keine Bevormundung und unzähliger Appelle. An das Motto „Kirche der Freiheit“ wird erinnert. Es erscheint deshalb bedenklich, wenn weltlich-politische Fragen einseitig theologisch aufgeladen und fast zu Bekenntnisfragen gemacht werden (Pazifismus, Atomkraft, Genderismus, Klima...). Zur Bekenntnisfrage machen heißt, wer dem nicht zustimmt, hat sich damit selbst aus der Kirche ausgeschlossen.

 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde im Rahmen des kirchlichen Neuanfangs in Deutschland die calvinisch-reformierte Theologie vom internationalen „Ökumenischen Rat der Kirchen“ nach vorne gebracht. Das geschah unter Einfluss der calvinisch-reformiert geprägten und politisch-interessengeleiteten USA und des reformierten schweizer Theologen Karl Barth. Dem politisch zurückhaltenden Luthertum wurde Versagen, Mitverantwortung und Mitschuld im Dritten Reich vorgeworfen und deshalb sollte es zurückdrängt werden. Für den neuen demokratischen deutschen Staat wurde eine sich politisch engagierende demokratisch calvinisch-reformierte Theologie für geeigneter gehalten. Dass die EKD und ihre Landeskirchen der calvinisch-reformierten Sicht heute weitgehend folgen, zeigt die Unzahl der gesellschaftspolitischen Verlautbarungen. Wer deren Inhalten nicht zustimmt, wird ausgegrenzt (moderne Kirchenzucht). Am Maßstab gesellschaftspolitischer Positionen bestimmt die Kirche indirekt, wer ein „wirklicher Christ“ ist. Und nur ein solcher ist in kirchlichen Funktionen und Gremien willkommen. Gesellschaftspolitische Fragen – also theologisch nur „Vorletztes“ - bestimmen mehr und mehr das Erscheinungsbild der EKD.

 

Lutheraner weisen auf die „Zwei unterschiedlichen Regierweisen Gottes in Welt und Kirche“

 

Lutheraner sagen, dass die Kirche für die Beaufsichtigung der weltlichen Regierung und der Politik keinen Auftrag hat. Der einzelne Christ kann sich natürlich entsprechend seines Glaubens und seines Gewissens politisch betätigen, aber dabei kann es eben auch unter Christen zu durchaus unterschiedlichen politischen Präferenzen und Entscheidungen kommen. Die Kirche als solche aber hat allein den Auftrag das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Christus zu verkündigen (1. Kor. 1, 18 ff.). Sie hat kein politisches Mandat, wie Jesus spricht, „mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18, 36). Jesus und die Apostel haben der Regierung keine Vorwürfe gemacht oder Ratschläge gegeben. Das ist die Begründung für die lutherische Lehre von den „Zwei unterschiedlichen Regierweisen (Regimenten) Gottes“, auch als „Zwei-Reiche-Lehre“ bezeichnet. Gott regiert die äußere Welt in verborgener Weise durch die Regierungen (Obrigkeit). Sie haben mittels Gesetz und Vernunft, notfalls mit äußeren Zwangsmitteln (Gericht, Polzei, Militär), den Leib und das Leben ihrer Bürger zu schützen und zu fördern. Deshalb hat der Christ dem Staat grundsätzlich zu gehorchen (Röm.13, Ausnahme Apg. 5, 29).

 

Die Kirche und die Herzen der Menschen regiert Gott ohne allen äußeren Zwang kraft des Heiligen Geistes allein durch sein Wort und Sakrament. Durch diese Mittel der Gnade (Gnadenmittel) sollen die Menschen zum Glauben an Jesu Erlösung kommen und selig werden. Der Auftrag der Kirche ist also, das Evangelium von der Erlösung durch Jesus Christus den Menschen zu verkündigen (Mt. 28, 28) und der christlichen Gemeinde zum Erhalt und zur Stärkung des Glaubens mit Gottes Wort und Sakrament zu dienen (Joh. 21, 15 ff.; 1.Kor. 4,1).

 

Bedarf es einer fortlaufenden Reformation?

 

Durch Gottes Gnade ist in der Reformationszeit die unveränderbare Wahrheit des Evangeliums wieder neu erkannt worden. Die Aussonderung nichtschriftgemäßer röm.-kath. Lehren und die positive Darstellung der zentralen biblischen Botschaft ist durch die evangelisch-lutherische Reformation erfolgt. Eine abschließende Zusammenfassung der zentralen Glaubensaussagen ist in den Evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften (Konkordienbuch von 1580) niedergelegt. Zu den Aussagen der Heiligen Schrift ist wieder zurückgeführt (reformiert) worden, das gilt es zu wahren. Einer weiteren ständigen theologischen Reformation bedarf es nicht. Die Wahrheit des Evangeliums Jesu Christi ist unveränderbar und gerade nicht dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Unbenommen bleibt natürlich, dass die unveränderbaren Glaubensinhalte in heutiger Sprache und unter Berücksichtigung der allgemeinen und persönlichen Situation auszudrücken sind, aber eben ohne inhaltliche Veränderungen.

 

Die calvinisch-reformierte Theologie sieht sich dagegen in einem ständigen theologisch-reformatorischen Prozess und hat sich damit in der EKD weitgehend durchgesetzt. Der Leitspruch: „ecclesia semper reformanda“ (die Kirche muss sich ständig erneuern - reformieren) stammt nicht von Luther, sondern aus der calvinisch-refomierten Kirchentradition, wiederentdeckt und neu betont von Karl Barth. Die in der Geschichte formulierten kirchlichen Bekenntnisse seien nur eine situative „Momentaufnahme“ und deshalb heute nicht mehr unbedingt verbindlich. In den fortwährenden „reformatorischen Prozess“ werden nicht nur die altkirchlichen und reformatorsichen Bekenntnisse, sondern jetzt auch eindeutige Worte der Bibel einbezogen. An ihre Stelle werden neue weiterentwickelte theologische Aussagen nach Maßgabe des Verstandes und „neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse“ gestellt, z.B. zur Jungfrauengeburt, zum Kreuzesopfer und Auferstehung Jesu, zum Weg anderer Religionen, zur Homosexualität...

 

Das ist Antwort auf die Frage, warum und woher es zu den vielen Veränderungen und neuen theologischen Aussagen in der EKD gekommen ist und weiter kommen wird.

 

Anmerkung: Die russ.-orthodoxe Kirche hat den Kommunismus u.a. dadurch überlebt, dass sie ihre Theologie und Gottesdienstform „in Beton gegossen hatte“. Entsprechend konnten die griech.-orthodoxe Kirche und koptische Kirche dem Islam widerstehen und die Polen dem kommunistischen Atheismus.

 

Detlef Löhde, Oktober 2019

 

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Zwei Regierweisen Gottes
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