Darf sich ein Christ scheiden lassen?

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Wir hören dazu Jesus aus dem Evangelium Markus 10, 2-10:

 

Pharisäer traten zu Jesus und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. Er antwortete aber und sprach zu ihnen: „Was hat euch Mose geboten?“ Sie sprachen: „Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.“ Jesus aber sprach zu ihnen, um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was Gott zusammen gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

 

Und daheim fragten ihn abermals seine Jünger danach. Und er sprach zu ihnen „Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht ihr gegenüber die Ehe; und wenn sich eine Frau scheidet von ihrem Mann und heiratet einen anderen, bricht sie ihre Ehe:“

 

Parallele Worte Jesu: Mt. 5, 31-32; 19, 3-12; Lk. 16, 18;

weiterführende Worte des Apostels Paulus: 1. Kor. 7, 1-15;

1. Thess. 4, 3-5.

 

Ein recht aktuelles Thema, nach der Statistik werden heute bei uns 35% der geschlossenen Ehen wieder geschieden. Und viele Paare heiraten überhaupt nicht mehr, sondern leben einfach nur so lange zusammen, wie sie sich verstehen. Nun mag man denken, diese Scheidungen und dieses unverbindliche Zusammenleben seien Probleme der modernen gottlosen Zeit. In ihrer Vielzahl vielleicht schon, aber eben nicht generell. Jesus trifft auf die Samariterin, die auch immer nur für eine Zeit unverbindlich mit Männern zusammengelebt hat (Joh. 4, 16 ff.). Und Scheidungen waren zur Zeit Jesus das Thema der Pharisäer und Schriftgelehrten.

 

Im Gesetz des Mose (5.Mose 24, 1 ff.) hieß es, wenn man an einer Frau etwas Anstößiges und Ärgerliches findet, dann könne sie der Mann entlassen. Dabei habe er ihr einen formellen Scheidebrief mitzugeben, in dem die Entlassung und die Gründe aufgeführt waren und der auch noch von Zeugen beglaubigt war. Wer also seine Frau mit einem Scheidebrief entließ, der war ein frommer gesetzestreuer Jude.

 

Es ging nun aber noch darum, was denn etwas Anstößiges und Ärgerliches war, woraufhin man seine Frau entlassen konnte. Welche Gründe mussten für eine Entlassung / Scheidung vorliegen? Die Ansichten gingen darüber weit auseinander. Der bekannte Schriftgelehrte Schammaj sagte, nur die Unzucht der Frau rechtfertige es, dass man sie mit einem Scheidebrief entlasse, während der bekannte Schriftgelehrte Hillel sagte, es reiche, wenn die Frau das Essen anbrennen lasse und Rabbi Akiba meinte sogar, es genüge, wenn der Mann eine andere Frau schöner finde. Nun wollten die Pharisäer lauernd hören, auf welche Seite sich Jesus schlägt.

 

Jesus aber sagt nun für alle etwas bisher Unerhörtes: Ihr denkt, wenn ihr eure Frau entlasst und ihr einen Scheidebrief ausstellt, dass ihr dann nach Gottes Willen handelt. Gottes eigentlicher Wille von der Ehe aber ist, dass sie als seine gute Gabe bis zum Tode gehalten wird und nicht etwa, dass sie unter bestimmten Umständen von euch geschieden werden kann. Gott hat den Menschen als Mann und Frau füreinander geschaffen. Schon im Paradies hat Gott die Ehe gestiftet. Der Mann wird Vater und Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen und sie werden ein Fleisch sein.

 

Aber mit dem Sündenfall ist die Sünde auch in die Beziehung zwischen Mann und Frau, also auch in die Ehe, eingebrochen. Ja, leider sündigen auch Eheleute an einander. Keine Ehe bleibt davon völlig verschont, denn Mann und Frau sind und bleiben sündige Menschen. Sie streiten, sind egoistisch und lieblos, vernachlässigen einander, wollen den anderen beherrschen und im Extremfall betrügen sie sich sexuell. Und nach Jesu Worten macht sich auch schon der des Ehebruchs schuldig, der eine andere Frau begehrlich ansieht (Bergpredigt, Mt. 5, 32).

 

Die gottgewollte Einheit von Mann und Frau, die Ehe, zeigt immer wieder Risse und droht zu zerbrechen. Gerade, weil sich Eheleute so nahe stehen, weil sie ein Fleisch sind, deshalb werden die Verletzungen durch den anderen besonders stark empfunden. In diesem Sinne spricht man auch vom „Kreuz der Ehe“. Dass eben in der Ehe mitunter auch der eine am anderen leidet. Das gilt es zu ertragen und mit Opferbereitschaft und Liebe zu überwinden. Bis heute finden wir das Wort vom „Kreuz der Ehe“ in den Texten (Agenden) zum Trau-Gottesdienst.

 

Doch wie sieht es in vielen Ehen aus, sündigt der eine an dem anderen, dann will es ihm der andere in gleicher oder ähnlicher Weise heimzahlen – Ehekrieg, der eben aufgrund des einmalig nahen Verhältnisses besonders seelisch belastet. Statt dessen wären Änderung der Verhaltensweisen und Worte, Verständnis für den anderen, Kompromiss, Besinnung auf das Geschenk der gottgesegneten Ehe, Opferbreitschaft, Liebe, Vergebung und Wille zum Neuanfang angebracht.

 

Dem anderen immer wieder vergeben – so wie Petrus Jesus fragte, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, genügt siebenmal? Und Jesus antwortet ihm, nein, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal (Mt. 18, 21.22), also unendlich oft. Wie viel mehr gilt das für Eheleute, die doch ein Fleisch sind! Das alles sollen Eheleute, auch die, die fern einer Scheidung sind, sich immer wieder zu Herzen nehmen. Wie Paulus schreibt (Eph. 4, 26): „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ versöhnt euch noch bevor die Sonne untergeht.

 

Doch leider sind viele nicht bereit, auch das „Kreuz einer Ehe“ zu tragen. All zu schnell fliehen sie den Schwierigkeiten und dem Leiden und trennen sich. Sie sind nicht bereit, ihr Verhalten zu ändern, Opfer zu bringen, immer wieder zu vergeben und immer wieder mit einem Neuanfang zu beginnen. Jesus sagt, wegen dieser Härte eures Herzens ist euch die Möglichkeit der Scheidung gegeben worden, so zu sagen als Notverordnung, um noch Böseres, um noch mehr Sünde und Leid zu verhindern. Dass sie sich nicht gegenseitig totschlagen oder einer völlig zerbricht und zugrunde geht. Aber auch diese Scheidungen aus der Notverordnung stehen gegen Gottes guten Schöpferwillen. Schon durch den Propheten Maleachi spricht Gott (Mal. 2, 16, wörtlich übersetzt): "Denn ich hasse Ehescheidungen." Und Jesus spricht (Mt. 19, 6): "Was Gott zusammengefügt hat - auf unsichtbare geheimnisvolle Weise zur Hilfe und Freude und zum Segen - , soll der Mensch nicht scheiden."

 

Nur eine Ausnahme lässt Jesus gelten, wenn der Ehepartner den anderen laufend sexuell betrügt. Dann hat der die Gemeinschaft des Fleisches, die Ehe, einseitig zerbrochen - gebrochen. Wenn der andere das nicht mehr tragen, nicht mehr ertragen kann, dann ist ihm die Scheidung zugestanden.

Jede andere Scheidung ist aber für jeden der beiden Sünde vor Gott. Die Schuld mag zwar mitunter sehr unterschiedlich verteilt sein, aber den, den wir vielleicht als den unschuldigen Teil betrachten würden, dem mangelt es doch zumindest an Opferbreitschaft, Vergebungsbereitschaft und Liebe, die zu einem Neubeginn und zur Aufrechterhaltung der Ehe gereichen würden. Dieser Mangel ist die Schuld und Sünde des äußerlich anscheinend unschuldigen Ehepartners.

 

Wie steht nun der Geschiedene vor Gott? - Wie auch jeder andere Sünder. Johannes schreibt (1. Joh. 1, 8): „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ In der Beichte bekenne der Geschiedene seine Sünde in der Ehe und der Scheidung und Gott wird sie ihm vergeben.

 

Völlig unverständlich ist da, dass die Röm-kath. Kirche jedem Geschiedenen, auch dem bußfertigen, das Sakrament des Altars, das Abendmahl, durch das ja Vergebung und das Heil geschenkt wird, vorenthält. Scheidung und Ehebruch sind doch keine unvergebbaren Sünden. Und Ehebruch begeht doch auch schon der, der eine andere Frau begehrlich ansieht. Die derzeitige Bischofssynode unter Vorsitz des Papstes Franziskus befasst sich u.a. mit dem Ausschluss der Geschiedenen vom Abendmahl.

 

Die Worte Jesu über die Scheidung, eben dass jede Scheidung gegen Gottes Willen verstößt, entsetzt die Jünger. Man hielt die Scheidung, so wie heute, für einen ganz normalen Vorgang und war überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, dass es Sünde vor Gott sein könne. Mit seinen Worten zu Ehe und Scheidung zeigt uns Jesus, so wie mit seiner ganzen Bergpredigt, dass sich überall die Sünde eingenistet hat, dass wir Gottes Gesetz nicht vollkommen erfüllen und nicht sündlos leben können – eben auch nicht in und mit der Ehe. Deshalb werden wir allein auf Jesu Vergebung und Erlösung gewiesen.

 

Matthäus berichtet, dass die Jünger sagen (Mt. 19, 10): „Steht die Sache eines Mannes mit seiner Frau so, dann ist's nicht gut zu heiraten.“ Jesus antwortet ihnen sinngemäß, stellt es euch nicht so einfach vor, unverheiratet sexuell enthaltsam zu leben. Und der Apostel Paulus bestätigt, dass die Fähigkeit sexuell enthaltsam zu leben, eine besondere Gabe ist, über die nicht jeder verfügt (1. Kor. 7, 7).

Markus berichtet uns nun, dass die Jünger nach der Rede Jesu an Pharisäer ihn daheim nochmal nach der Scheidung fragten. „Und Jesus antwortet bekräftigend: Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht ihr gegenüber die Ehe.“und umgekehrt gilt für die Frau das Gleiche.

 

Diese Worte Jesu können nun auf verschiedene Weise aufgefasst werden und darin besteht eine gewisse Unsicherheit.

 

Sie können unmittelbar so verstanden werden, dass ein Geschiedener eben nicht wieder heiraten darf, sonst würde er erneut sündigen. Dahinter steckt der Gedanke, dass der Geschiedene sich mit seinem ehemaligen Ehegatten wieder versöhnen solle, oder aber die Konsequenz tragen und ehelos bleiben müsse. Gott hat dir einen Ehegatten gegeben, dem du lebenslange Treue zugesagt, ihn dann aber verstoßen hast. Einen zweiten Ehegatten gibt dir Gott nicht, wenn du dennoch wieder heiratest, dann nimmst du ihn dir eigenmächtig gegen Gottes Willen.

 

Man beruft sich dabei auch auf 1. Kor. 7, 11. Da verlangt Paulus von Frauen, die sich von ihrem Mann haben scheiden lassen, dass sie sich wieder mit ihrem Mann versöhnen oder aber ehelos bleiben sollen.

Das griechische Wort „katallageto“, das mit „versöhnen“ übersetzt ist, hat die Bedeutung von „eine Feindschaft beenden, keine Forderung gegen den anderen mehr zu haben, mit ihm quitt sein“. Es muss also wohl nicht zwangsläufig bedeuten, wieder in die Ehe zurück-zukehren. Was ist denn, wenn der andere sich bereits wieder neu verheiratet hat oder sich bewusst nicht wieder versöhnen will, nicht wieder die eheliche Gemeinschaft aufnehmen will? Und kann der Geschiedene wirklich sexuell enthaltsam leben? Paulus empfiehlt doch, dass es von daher geraten sei, verheiratet zu sein (1. Kor. 7, 2-5; 1. Thess. 4, 3.4).

 

 

Die Röm.-kath. Kirche, die ja schon die Scheidung nicht gelten lässt, nimmt entsprechend auch keine zweite Trauung vor und akzeptieren auch eine zweite standesamtliche Trauung nicht als vollgültige Ehe, sondern geht davon aus, dass die erste Ehe weiter fortbestehe. Also lebe ein Wiederverheirateter in fortgesetztem Ehebruch und kann in diesem Zustand auch nicht das Abendmahl empfangen.

Man missversteht Jesu Worte so, als sage er, kein Mensch sei imstande, die von Gott zusammengefügte Ehe zu scheiden, sie sei also „unscheidbar“. Doch das sagt Jesus nicht, sondern Jesus sagt, der Mensch solle die Ehe nicht scheiden und wenn er es dennoch tue, so ist es Sünde. Genauso wie wir nicht lügen und stehlen sollen und wer es dennoch tut, der sündigt. Die Ehe hat also keinen unzerstörbaren unwiderruflichen Caharakter (Character indelebilis), sonst könnte sie ja auch nicht gebrochen werden.

 

Auch die evangelischen Kirchen haben bis vor einigen Jahrzehnten keine zweite kirchliche Trauung (= Segnung) Geschiedener vorgenommen, haben aber die vollzogene Scheidung der Ehe und eine zweite standesamtliche Trauung als Ehe akzeptiert.

 

Die Worte Jesu können aber auch anders aufgefasst werden. Jesus spricht in einem Atemzuge von dem, der sich scheidet und eine andere heiratet. Die Scheidung und erneute Heirat werden als eine Einheit gesehen. Das trifft die Fälle, wenn der Geschiedene den Scheidungs- grund heiratet, was vor Jahrzehnten sogar nach dem weltlichen Gesetz nicht möglich war. Oder aber, dass der Mann seiner Frau überdrüssig geworden war und denkt, ich lasse mich scheiden und suche mir sofort eine Bessere. Da besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Scheidung und der erneuten Heirat. Solche Scheidung, mit beabsichtigter zeitlich anschließender Wiederheirat, ist nach Jesu Worten Ehebruch gegenüber der ersten Frau. Sie ist gegen Gottes Willen und Zulassung, sie ist Sünde, die nicht durch eine kirchliche Segnung bestätigt werden kann.

 

Gilt dann aber nicht etwas anderes für den Geschiedenen, der seine Ehe nicht mehr ausgehalten hat, der seine Scheidung in der Beichte als Sünde bekannt und Gottes Vergebung erlangt hat? Ist es Ehebruch gegenüber der ersten Frau, wenn er ohne einen Zusammenhang mit seiner Scheidung nach einer gewissen Zeit wieder heiratet und einen Neuanfang beginnen will?

 

Hat Gott nicht auch dem David nach seinem Ehebruch mit Bathseba und seinem Mord an ihrem Ehemann vergeben, als er seine Sünde bekannt hatte (2. Sam. 11). Ja, Gott hat ihn sogar mit Bathseba eine Ehe führen lassen, aus der Salomo hervorgegangen ist.

Hat Jesus doch auch dem bußfertigen Petrus seine Verleugnung vergeben und ihn wieder neu in das Apostelamt eingesetzt (Joh. 21). Unabhängig davon, dass David und Petrus die Sünden vergeben worden sind, haben sie aber doch ihre Sünde als Warnung und Mahnung und gegen allen Hochmut immer als eine Narbe im Gedächtnis behalten.

 

Immer wieder gewährt Gott Menschen nach einem aufrichtigem demütigen Sündenbekenntnis Vergebung und einen Neuanfang. Und die Kirche Jesu Christi soll in Nachfolge ihres Herrn Zeichen der Barmherzigkeit setzen, Gnade und Vergebung zusprechen, den Bußfertigen einen Neuanfang gewähren. Deshalb, wer seine Scheidung als Sünde und Schuld bekennt, der wird jetzt von den evangelischen Kirchen auch zum zweiten Mal getraut.

 

Bei den östlich-orthodoxen Kirchen ist das schon längere Praxis. Sie begründen das mit einer barmherzigen Haushalterschaft (Oikonomia) des Evangeliums, die der sündhaften Natur des Menschen und der Gnade Gottes Rechnung trägt. Damit werde aber nicht die von Gott gestiftete Ehe als die gottgewollte lebenslange Gemeinschaft eines Mannes mit einer Frau in Frage gestellt.

 

Und der Geschiedene und Wiederverheiratete wird, vergleichbar wie David und Petrus, seine Sünde, seine Scheidung, als Warnung und Mahnung im Gedächtnis behalten, wie auch Dankbarkeit für die Gnade der Vergebung und des Neuanfangs.

 

Detlef Löhde

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Unzucht ist Götzendienst
Eph. 5, 1-8a.pdf
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