Was ist Ökumene?

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Das griechische Wort „Ökumene“ bedeutet im unmittelbaren Wortsinne „auf der ganzen bewohnten Welt“, „ökumenisch“ bedeutet also schlicht „weltweit“. Ihrem Wesen nach ist die Kirche Jesu Christi ökumenisch, also weltweit und nicht etwa beschränkt auf eine bestimmte oder mehrere bestimmte Nationen. Nach dem Wort Jesu ist seine Gemeinde / Kirche übernational, international, in und unter allen Nationen, wie er spricht: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker...“. Und die sogenannten drei „Ökumenischen Glaubensbekenntnisse“ (Apostolikum, Nizänum, Athanasianum) sind inhaltlich das, was auf der ganzen Welt von Christen geglaubt wird.

 

Doch seit Anfang des 20. Jahrhundert hat das Wort „Ökumene“ einen Bedeutungswandel erfahren. Heute wird es vorrangig als das Gespräch und Zusammenwirken der verschiedenen Konfessionskirchen verstanden. In diesem Sinne hat sich immer stärker ein positives Bewusstsein von der „Ökumene“ in den Kirchen wie auch in der weltlichen Öffentlichkeit herausgebildet. Die fortbestehenden Unterschiede der Glaubenslehren der Konfessionen und Kirchen werden immer weniger wahr- genommen und als zweitrangig abqualifiziert. Die Frage nach der uns offenbarten einen göttlichen Wahrheit der Bibel wird weit- gehend ausgeklammert. Man stimmt eher dem Pilatus zu, der kritisch fragt: „Was ist Wahrheit?“ Im Bestehen der unterschied- lichen Konfessionen sieht man nur noch eine Art von Recht-haberei, Traditionalismus und den Willen, die eigene Institution und Macht zu erhalten. Die Konfessionen werden als weitgehend geschichtlich überholt und als unberechtigte und unverantwort- bare Spaltung der Christenheit betrachtet.

 

 

Exkurs

 

Um diesem Vorwurf zu entgehen, nehmen die reformatorischen Kirchen auch davon Abstand, den 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 2017 mit einem dankbaren, freudigen Gedenken zu würdigen.

 

Kirchenamtlich hört man die klare Feststellung nicht mehr, dass mit Martin Luthers Reformation wieder das Licht des Evangeliums Jesu Christi auf den Leuchter der kirchlichen Verkündigung gestellt wurde und für die Lehre des Glaubens allein die Bibel wieder maßgeblich geworden ist. Statt dessen will man den 500. Jahrestag der Reformation möglichst ökumenisch gestalten und die Reformation als eine Art tragischen kirchengeschichtlichen Irrtum erscheinen lassen. Dazu muss dann auch die Person des Reformators Martin Luther im Übermaß kritisiert und „passig“ gemacht werden. Mit der Röm.-kath. Kirche will man sich möglichst auf einen gemeinsamen Nenner über die Reformation, den Reformator und das Reformationsgedenken einigen.

 

 

Unser Herr Jesus Christus will ganz gewiss die geistliche Einheit seiner Jüngerschaft, seiner Gemeinde / Kirche. Wie Jesus für seine Jünger aller Zeiten zu seinem himmlischen Vater gebetet hat (Joh. 17, 17. 21. 22): „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. Ich bitte aber nicht allein für sie (die anwesenden Jünger), sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien.“ In der Wahrheit sollen sie geheiligt und eins sein. Diese Wahrheit ist ER selbst, wie Jesus spricht (Joh. 14, 6): „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vaters anders als durch mich.“ Und (Joh. 15, 5): „Ich bin der Weinstock ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Aber Jesus warnt auch seine Jünger (Mt. 16, 6.12): „Seht zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer!“ Da verstanden die Jünger, dass sie sich hüten sollten vor der Lehre der Pharisäer und Schriftgelehrten.

 

Und der Apostel Paulus schreibt einerseits (1. Kor. 1, 10):    „Lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet einander fest in einem Sinn und in einer Meinung.“ Aber andererseits im selben Brief (1. Kor. 11, 18.19): „Zum ersten höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich's. Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, damit die Recht- schaffenen unter euch offenbar werden.

 

Denen, die nicht allein auf die Gnade in Christus vertrauen, sondern durch Werke des Gesetzes vor Gott gerecht werden wollen, schreibt Paulus (Gal. 5, 4. 9): „Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Ihr habt Christus verloren und seid aus der Gnade gefallen.“

 

Heute würde man verständnislos sagen, aber es ging doch bei der Frage, ob die Juden sich weiter beschneiden lassen sollten, nur um eine bedeutungslose Lappalie. Äußerlich sieht das so aus, aber es betrifft den Kern des Evangeliums, nämlich ob er Mensch durch Halten des Gesetzes oder allein aus Gnaden selig wird.

 

Im 1. Kor. 3, 11-13 schreibt Paulus: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren.“ Was mit wertlosen unbeständigem Holz, Heu oder Stroh auf den Glaubensgrund gebaut worden ist, wird verbrennen.Holz, Heu und Stroh“ sind die verschiedenen erdachten menschlichen Spekulationen und Zusätze, die zu einer verfälschten und irrigen Glaubenslehre führen, wie u.a. in der Röm.-kath. Kirche.

 

In Übereinstimmung mit dem Evangelisch-Lutherischen Bekenntnis bleibt dennoch festzustellen, dass alle christlichen Kirchen einen gemeinsamen Glaubensgrund haben (Eph. 4, 5; 1. Kor. 3, 11; 8, 6):

 

Den Glauben an den dreieinigen Gott,

 

und an den einen Herrn und Heiland,

 

den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus,

 

der Vergebung der Sünden und ewiges Leben schenkt,

 

an die eine Taufe,

 

an die Bibel als Gottes Wort.

 

 

Überall, wo das verkündigt und geglaubt wird, da ist die eine heilige, apostolische, christliche Kirche. Diese kann nicht mit einer der äußeren verfassten institutio- nellen Kirchen gleich-gesetzt werden, wie es die Röm-kath. Kirche allein für sich beansprucht.

 

(Die "eine heilige, apostolische, christliche Kirche" kann auch als die "katholische Kirche" bezeichnet werden. Denn "katholisch" ist nur die Übersetzung von "allgemein"; "katholische Kirche" heißt also nur "allgemeine Kirche." Deshalb kann diese Bezeichnung nicht allein und ausschließlich von der "Römisch-katholischen Kirche" in Anspruch genommen werden. "Katholisch" ist jede Gemeinde / Kirche, die sich zu dem gemeinsamen Glaubens- grund bekennt.)  

 

Die Jüngerschaft, Gemeinde, Kirche ist unsichtbar überall da, wo das Wort Jesu Christi verkündigt und geglaubt wird. Die Bitte Jesu um die Einheit in der Wahrheit – die Einheit der Seinen in IHM – ist unsichtbar erfüllt. Die wahre Kirche wächst aus dem Wort und dem Geist Jesu. Die Kirche ist ein Artikel des unsicht- baren Glaubens. Das entbindet aber nicht, auch nach äußerer Einheit, aber eben in der Wahrheit – in Christus - zu streben. Wobei wir's nicht machen können, sondern es uns im Hören auf Gottes Wort demütig schenken lassen müssen. Wie Jesus von dem Weinstock und den Reben spricht (Joh. 15, 5): Ohne mich könnt ihr nichts tun.

 

Welche Folgerungen aus all dem für das Miteinander und die Zusammenarbeit der bestehenden konfessionellen Kirchen zu ziehen sind, bedarf einer nüchternen theologischen Prüfung: Was können die Kirchen vor der Welt gemeinsam bekennen, auf welche Weise können sie im weltlichen Bereich zusammen-arbeiten? Können sie gemeinsame Gottesdienste feiern?

 

Ein weites Feld überkonfessioneller Zusammenarbeit bietet sich im sozialdiakonisch – karitativen Bereich. Hier können Christen gemeinsam fürsorgliche Nächstenliebe üben.

 

Gegenüber der Welt können und sollen die Kirchen ihren gemeinsamen Glaubensgrund (siehe oben) öffentlichkeits-wirksam bekennen. Auf dem Gebiet der Gesellschaftsethik können und sollen sie die eindeutigen Aussagen des Neuen Testaments in ihren Predigten, Veröffentlichungen, den Medien und Rundfunkräten zur Sprache bringen. Da liegt ein weites Feld kirchlicher Verantwortung weitgehend brach. Warum wird so wenig gemeinsam gesagt und zur Buße gerufen z.B. zur Aushöhlung der christlichen Sonn- und Feiertage, zu den falschen Aussagen des Islam, anderer Religionen und Ideologien, zu den massenhaften Abtreibungen, zur Sünde der gleichgeschlechtlichen Sexualität, dem öffentlichen Verletzen von Schamgrenzen, der Früh- sexualisierung der Kinder, zur physischen und psychischen Vernachlässigung der Kinder, gegen die Ideologie des Gender Mainstreaming ...

 

Auf dem Gebiet der Sexualethik und des Familienverständnisses kommt es kaum noch zu gemeinsamen eindeutigen Stellung- nahmen. Die evangelischen Kirchen passen sich immer mehr den „gesellschaftlichen Gegebenheiten“ an, werden immer laxer, in der Angst ansonsten noch mehr Mitglieder zu verlieren und verirren sich in sozialpolitischen und umweltpolitischen Appellen und die Röm.-kath. Kirche zieht sukzessive nach.

 

Andererseits gibt es kaum ein allgemein politisches Thema, das die Kirchen nicht kommentieren, von einer angemaßten Warte, als hätten sie die tieferen und sachgerechteren politischen Erkenntnisse und Einsichten. Doch vom Herrn Christus haben sie gerade kein allgemein politisches Mandat, sondern sie sollen das Evangelium Jesu Christi von der Vergebung der Sünden durch seines Kreuzestod verkündigen.

 

Problematisch erscheint die Frage, in wie weit Gemeinden und Kirchen unterschiedlicher Konfessionen geistlich und gottes-dienstlich zusammenwirken können.

 

Wie viel Einigkeit in der Wahrheit, in der Lehre des Glaubens, in dem Verständnis der Worte Christi, muss dafür gegeben sein? Wie viel „Holz, Heu und Stroh“ kann in Kauf genommen werden? Oder ist es vielleicht nicht nur „Holz, Heu und Stroh“, sondern grundlegend falsche Lehre – seelengefährdende Irrlehre (Häresie)?

 

Kann man trotz gegensätzlicher Glaubenslehre, trotz eines gegensätzlichen Verständnisses der maßgeblichen Worte Gottes, sich dennoch gegenseitig die Kanzel über- lassen und gemeinsam Abendmahl feiern (Kanzel- und Abendmahls-gemeinschaft)? Kann man Absprachen treffen, dass die Beiträge der einen Seite nicht gegen die Glaubenslehre der jeweils anderen Seite verstoßen dürften? Wird da nicht ein Trugbild von Einigkeit vermittelt? Kann man sich verpflichten, bestimmte Glaubenswahrheiten um des anderen willen nicht anzusprechen? Wird da nicht die erkannte Wahrheit der Glaubenslehre verleugnet? Wird da nicht die Gemeinde verwirrt, als käme es auf die Unterschiede, auf die Wahrheit, gar nicht so sehr an, als wäre alles gleich gültig? Kann verantwortet werden, dass vielleicht der eine oder andere von gehörtem Falschen verwirrt und verführt wird? Muss ein bewusstes Dulden von „Holz, Heu und Stroh“ nicht zu Ärgernis und Spaltung führen, weil sich verantwortungs-bewusste Gemeindeglieder dessen nicht teilhaftig machen wollen?

 

Deshalb warnt der Apostel Paulus und empfiehlt allgemein, sich von denen abzuwenden, die etwas anderes vom Glauben lehren als das bisher von den Aposteln Gehörte (Röm. 16, 17). Seinem Mitarbeiter Titus rät der Apostel, Irrlehrer (Häretiker) zu meiden (Ti. 3, 10) und in seinem Brief an die Galater (Gal. 5, 7-9) spricht er einen Fluch aus über die, die ein anderes Evangelium predigen.

 

Die Schwierigkeit besteht nun darin zu entscheiden, in welcher Weise all diese Aussagen aktuell anzuwenden sind. Wo verläuft die Grenze zwischen nur „Holz, Heu und Stroh“, nicht erkanntem Irrtum und vorsätzlicher beharrender Irrlehre? Wo verläuft die Grenze zwischen möglicher abweichender Einzelexegese (Einzel-Textauslegung) und unaufgebbaren grundlegenden Glaubenssätzen?

 

In den geltenden Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Schmalkaldische Artikel, Tract. 42, verfasst von Ph. Melanchthon, lesen wir:

"Schwer ist es, dass man von so viel Landen und Leuten sich trennen, und eine sondere (reformatorische) Lehre führen will. Aber hier steht Gottes Befehl, dass Jedermann sich soll hüten, und nicht mit Denen einhellig sein, die unrechte Lehre führen..."

 

Allerdings sind die trennenden Gräben der Konfessionen in Zeiten der Verfolgung und der Todesnähe schon immer über- brückt worden. In solchen Nöten sollen wir als Christen, hinweg über Konfessionsgrenzen, uns gegen-seitig beistehen und uns auf unseren gemeinsamen Glaubensgrund, auf unseren gemeinsamen Herrn Jesus Christus, beziehen und entsprechend den Umständen, ihn auch gemeinsam im Gebet anrufen und auf seinen Beistand vertrauen.

 

Detlef Löhde

 

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