Die Kirchen schrumpfen, Kirchensteuern sichern sie, nur zu Weihnachten sind sie voll

Ja, zum Heiligen Abend werden die Kirchen wieder voll sein, zum 1. Weihnachtstag dann schon wieder weniger. Für manche ist der 24. Dezember der traditionelle Besuch einer romantischen Märchenvorstellung. Die Frage ist, ob der Besucheransturm am 24. 12. von den Kirchen genutzt wird, den Menschen das pure rettende Evangelium zu verkündigen und ihnen nicht nur eine romantische Stunde zu bieten. Die Kirche verkündigt kein Märchen, sondern die geschichtliche Tatsache und Einladung, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, um den Menschen Versöhnung und Frieden mit Gott und die Erlösung von Sünde und ewigem Tod zu bringen (Joh. 3, 16). Das soll auch an jedem Sonntag im Mittelpunkt stehen.

 

Die Zahl der Kirchglieder ist seit 50 Jahren beständig rückläufig. 1968 waren in der Bundesrepublik noch über 90% und in der DDR noch 68% der Bevölkerung Glied einer christlichen Kirche. Heute sind es in Deutschland nur noch 57 %, in den östlichen Bundesländern nur noch 20 – 25 %. Die Kirchen haben Millionen Kirchglieder verloren! Als Christ macht einen das betroffen, zumal von den verbliebenen 57 % ein beträchtlicher Anteil nur noch formalrechtlich Glied der Kirche ist. Man ist noch Kirchmitglied, weil man die diakonischen und karitativen Einrichtungen, wie Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime und den Einsatz für Mitmenschlichkeit unterstützen will. Der Kernbotschaft des christlichen Glaubens, wenn sie überhaupt gehört wird, wird nur noch gelangweilt bis skeptisch begegnet. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch von nur 2 – 4 % der verbliebenen Kirchglieder macht das deutlich. Die dazu schon vor geraumer Zeit getroffene beschwichtigende kirchenamtliche Feststellung von einer „distanzierten Kirchenmitgliedschaft“ und einer „Individualisierung des Glaubens“ macht die Sache nicht besser.

 

Die wenigen noch praktizierenden Christen, die regelmäßig die Gottesdienste besuchen und sich an der Bibel orientieren, sind inzwischen zu einer gesellschaftlichen Randgruppe geworden. Als solche kann sie die Gesellschaft nicht mehr mit ihren Werten prägen und sie erfährt auch kaum noch gesellschaftspolitische Rücksichtnahme. Ja, immer häufiger werden bibel- und bekenntnistreue Christen als lästige Mahner, Spielverderber und gesellschafts-politische Bremser und Störer empfunden und zuweilen als Fundamentalisten diffamiert.

 

Wie reagieren die Kircheninstitutionen auf diese Entwicklung? Sicher ist der Trend maßgeblich auf eine fortgesetzte Verweltlichung und einen praktischen Materialismus der westlichen Wohlstandsgesellschaft zurückzuführen. Dennoch muss gefragt werden, ob vielleicht auch die Kirchen selbst ungewollt etwas zu diesem Schrumpfungsprozess beigetragen haben und weiter beitragen.

 

Vielfach wird versucht, die Gottesdienste „niederschwellig“ zu gestalten. Man will sie aus ihrer besonderen gottes-dienstlichen und kirchlichen Sphäre in eine Sphäre des Alltags führen, um neuen Besuchern etwaige Schwellen- und Berührungsängste zu nehmen. Auf die gottesdienstlichen Eigenheiten soll verzichtet werden. Eine ehrfurchtsvolle Haltung, Liturgie und traditionelle Kirchenlieder und -musik werden als wenig einladend und hinderlich empfunden. Etliche biblische Begriffe und Inhalte, wie Sünde, Buße, Vergebung, Kreuzesopfer, Erlösung, Heiland, Weltgericht, Himmel, Hölle, Wiederkunft Christi sollen aus einladender Rücksichtnahme so nicht mehr erwähnt werden. Dass die Verkündigung des Evangeliums immer verständlich und aktualisiert sein muss, steht außer Frage und auch gegen den Versuch neuer Formen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Es darf dabei aber nicht zu Verwässerung, zu Substanzverlust und zur Profanität des Gottesdienstes kommen. Das geschieht auch, wenn in der Verkündigung nur noch wenig auf das Verhältnis des Menschen zu Gott, aber dafür um so mehr auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch abgestellt wird. Die Verkündigung darf sich nicht in Appellen mit erhobenen Zeigefinger erschöpfen, wie man sich heute in der Welt zu verhalten und zu bewegen hat. Und wenn man auf der moralisch besseren Seite sein will, müsse man dem nachkommen.

 

All diese misslichen Versuche haben nicht zu mehr Gottesdienstbesuchen, sondern zur Verflachung und zum Substanzverlust geführt. Gottes Verheißung des Heils und des Glaubens liegt in und auf seinem verkündeten Wort und nicht auf menschlichen Konzepten. Die Kirche hat sich in gewissem Maße selbst säkularisiert.

 

Mitunter hat sich bei kirchlichen Amtsträgern auch eine eigentümliche Verweichlichung der Sprache und des Auftretens eingestellt. Damit werden im Alltags- und Berufsleben stehende nüchterne Menschen, besonders Männer, aber nicht erreicht. Viele von ihnen sehen im Gottesdienst nur noch eine „Veranstaltung für enthusiastische Frauen, Kinder und rührselige Alte“. Ein Blick auf die Gottesdienstbesucher an einem normalen Sonntag scheint das oftmals zu bestätigen.

 

Um keinen Ansehensverlust zu erleiden und keinen Unmut zu erzeugen und dadurch vielleicht noch mehr Kirchglieder zu verlieren, bemühen sich insbesondere die Kirchen der EKD weitgehend dem gesellschaftspolitischen Trend zu folgen oder ihn schweigend zu tolerieren. Das betrifft die öffentlich unwidersprochene Hinnahme von Kritik an den Heilstatsachen und biblischen Aussagen, die Relativierung der Wahrheit Jesu Christi, die Empathie für andere Religionen und das Mitmachen bei der Gender-Ideologie, der Segnungen und Trauungen von Gleichgeschlechtlichen sowie das weitgehend öffentliche Schweigen zu den jährlich hunderttausenden Schwangerschafts-abbrüchen.

 

Darüber hinaus haben sich die EKD-Kirchen personell und programmatisch auch parteipolitisch recht einseitig links-grün positioniert. Der derzeitige EKD-Ratsvorsitzende Bischof Heinrich Bedford-Strohm ist SPD-Mitglied, er lässt seine Mitgliedschaft nur während seiner Bischofsfunktion ruhen, bei seinem Vorgänger Bischof Wolfgang Huber war es genauso. Überproportional viele Superintendenten und Pastoren sind SPD-Mitglieder. Es muss gefragt werden, ob der Hirte und Seelsorger einer Gemeinde und Kirche sich aus grundsätzlich theologischer und besonders seel-sorglicher Sicht überhaupt parteipolitisch engagieren sollte. Zum Streben nach politischem Einfluss und Macht ist er nicht zum Hirten berufen (ordiniert) worden. Auch in den Leitungsgremien und der Synode der EKD und des Ev. Kirchentages sind vornehmlich Mitglieder der SPD und Grünen tonangebend. Entsprechend diesem kirchen-politischen Mainstream und der persönlichen politischen Verflechtungen schließt man sich vielen links-grünen Initiativen und Demonstrationen unkritisch an.

 

Andere Positionen werden mehr oder weniger moralisch abqualifiziert. Wer auf der moralisch besseren Seite stehen will, muss links-grüne Positionen teilen, getreu dem Satz des reformierten Theologen Karl Barth: „Ein wirklicher Christ muss Sozialist werden.“ Bei solcher einseitigen Positionierung fühlen sich Konservativ-Bürgerliche nicht mehr willkommen und nehmen innerlich und äußerlich Abstand von der Kircheninstitution. Eine gesellschaftliche Schicht verabschiedet sich, die lange eine tragende Konstante der Kirche war. Durch eine gesellschaftliche Einseitigkeit hatte die Kirche schon zum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts überwiegend die Arbeiterschaft verloren.

 

Doch wer aus politischen Gründen die Gottesdienste und Kirchen verlässt, wird geistlich heimatlos.Nur Wenige suchen in der Umgebung nach einer noch bibeltreuen und parteipolitisch neutralen Gemeinde, einer Freikirche oder freien Gemeinde. Nach einem Austritt gibt es dann in der Familie keine Taufen, keine Konfirmationen, keine Trauungen und keine christlichen Bestattungen mehr und die christlichen Festtage ohne Gottesdienst verlieren ihre eigentliche Bedeutung. Aufgrund eines gefüllten Alltags verbleibt dann meistens auch ein regelmäßiges persönliches Befassen mit der Bibel und dem Glauben. Mit dem Verlassen der Gottesdienste „verdunstet“ der persönliche Glaube immer mehr. Schon im Hebräerbrief wird gewarnt, den Gottesdiensten und der Gemeinde fernzubleiben (Hebr. 10, 25). Der Glaube wird genährt, erhalten und gestärkt durch das Hören des Wortes Gottes und aus der Gebets- und Abendmahlsgemeinschaft (Apg. 2, 42; Röm. 10, 17). Christen sind zur gottesdienstlichen Gemeinschaft berufen. Auf einem selbst gewählten vereinzelten persönlichen Glauben liegt keine Verheißung, sondern geistliche Einsamkeit und Gefahr.

 

Die Krise der Schrumpfung wird von den Volkskirchen dadurch überspielt, dass sie seit 1919 in einem verfassungsrechtlichen und staatsvertraglichen Kooperationsverhältnis zum Staat stehen, das ihnen öffentlichen Status und einen gewissen Einfluss garantiert. Und mit der guten Wirtschaftslage sprudeln die staatlichen Steuern und damit auch die vom Staat eingezogenen Kirchensteuern in beachtlicher und steigender Höhe. Damit können die verfasste Kircheninstitutionen bei Zahlung guter Gehälter aufrechterhalten werden. Doch weshalb werden die üppigen finanziellen Einnahmen nicht zuerst für eine offensive öffentliche Verkündigung des Evangeliums über alle Medien eingesetzt? Fürchtet man den Widerstand des gesellschaftspolitischen Zeitgeistes oder ist man sich seiner Botschaft des Evangeliums selbst nicht mehr so sicher, oder ist es nur satte Bequemlichkeit und Trägheit?

 

Was sagen wir vom Glauben her, zu diesen schmerzlichen Entwicklungen? Trotz diesem schmerzlichen Trend, trotz aller Widerstände, wollen und sollen wir getreu dem Befehl unseres Herrn und Heilands Jesus Christus sein Evangelium von der Vergebung unser Sünden und unserer Erlösung zum ewigen Leben unverfälscht weitersagen (Mt. 28, 18-20, 1. Kor. 4, 1-2). Denn Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zum ewigen Leben gerettet werden (1.Tim. 2, 4).

 

Und Jesus verheißt uns tröstend, dass die Pforten der Hölle die Gemeinde / Kirche nicht überwältigen werden (Mt. 16, 18) und spricht (Mk. 13, 31): „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen“ und (Mt. 28, 19): „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Der Herr wird also seine Botschaft und Kirche erhalten bis er am Ende der Zeit und Welt wiederkommt! Damit haben aber keinesfalls die heute existierenden äußeren Kircheninstitutionen eine Ewigkeits-garantie.

 

Und wir haben auch nicht die Verheißung, dass unsere Welt, unser Volk, unsere Gesellschaft zum Ende hin immer christlicher werden würde. Nein, Jesus sagt uns das Gegenteil, dass in der letzten Zeit verführerische Lehren und falsche Propheten kommen und Viele vom Glauben abfallen werden. Und, dass Leiden und Verfolgungen über die Christen kommen werden (Mt. 24; Mk. 13; Lk. 21). Zugleich verheißt uns Jesus aber auch, dass er mit seinem Geist immer bei uns als den Seinen ist und uns ins ewige Leben führen wird. Der Herr Christus ist seinen Verheißungen treu, darauf lasst uns vertrauen.

 

 

Detlef Löhde, 14. 12. 2018

 

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