Gottesstaat u. heiliger Krieg (Dschihad) des Islam

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Der islamische Gottesstaat (Theokratie)1 wird hergeleitet aus der unteilbaren Einheit Allahs - „Tauhid“

 

Das arabische Wort „Tauhid“ bezeichnet den „Glauben an die eine einzigartige unteilbare Einheit Allahs“. Sure 112 wird „Surat at-Tauhīd“ genannt, in ihr heißt es: „Er ist Allah, ein einziger“. Das Wort „Tauhid“ ist eine Ableitung von „Wahid“, was „Eins“ und „einzig“ bedeutet2. Einer der schönsten 99 Namen Allahs lautet „Al-Wahid“ - der Eine, der Einzige. Mit den Tageszeitgebeten, mit der Schahada, bekennt jeder Muslim immer wieder den Tauhid - dass kein Gott ist außer Allah. Es geht also nicht nur um ein oder zwei Suren, sondern der gesamte Koran und Islam dreht sich um den Tauhid. Jeder Vers im Koran beinhaltet direkt oder indirekt den Tauhid, nämlich dass Allah einzig und unteilbar ist.

 

So wie Allah selbst der Eine und Unteilbare ist, so ist auch seine Herrschaft. Sie umfasst alles in einer unteilbaren Einheit. Diese Einheit hat jeder Muslim zu bekennen, zu leben, durchzusetzen und aufrechtzuerhalten. Der Islam verkündet ein ganzheitliches in sich geschlossenes vollkommenes Weltbild mit entsprechenden Gesetzen für alle Bereiche und alle Menschen. Wer die Einheit in Frage stellt, der ist kein Muslim mehr. Deshalb dürfen Religion und Wissenschaft, Religion und Staat, die Gesetze des Islam („Scharia“) und die Gesetze des Staates, die geistliche und die weltliche Führung der Muslime nicht von einander getrennt werden und nicht von einander abweichen. Ihre Einheit ist nach Maßgabe von Koran und Sunna herzustellen und zu wahren. Deshalb haben Muslime in ihrem Gebiet eine Theokratie“ aufzurichten. Das ist ein islamisches Dogma3.

 

Dem gemäß hat Mohammed zuerst in Medina und dann im ganzen eroberten Arabien eine Theokratie errichtet. Er allein hatte die absolute weltliche und religiöse Macht in seiner Hand. So wie Allah unteilbar ist, so ist auch die Macht des Kalifen unteilbar. Entsprechendes galt für die Mohammed nachfolgenden Kalifen in dem eroberten arabisch-islamischen Großreich. Und auch das nachfolgende islamische Großreich der Türken war eine Theokratie. An seiner Spitze stand die eine Person des Sultans und Kalifen4, wobei schon früh der Sultan und Kalif seine religiöse Führung und Macht auf die Ulama deligiert hatte und nur noch als symbolisch-religiöser Repräsentant auftrat.

 

Mit dem Ende des osmanischen Kalifats endete auch die noch formal vorhanden gewesene personelle Einheit von weltlicher und religiöser Führung. Heute regieren weltliche Präsidenten, Sultane oder Könige die islamischen Staaten. Die Einheit der Führung soll nun dadurch gewahrt werden, dass die staatlichen Gesetze den religiösen Gesetzen der Scharia möglichst weitgehend entsprechen.

 

 

Das muslimische Tauhid-Denken stellt sich in der Abfolge dar:

Ein Allah – ein maßgeblicher Prophet Mohammed, eine muslimische Gemeinschaft („Umma“), eine einheitliche Verehrung und Anbetung Allahs, mit dem einen arabischen Gebetswortlaut, zu einheitlichen Gebetszeiten, in einheitlicher Gebetshaltung, mit der einen Gebetsrichtung Mekka. Und die Muslime sollen unter dem einen einheitlichen Gesetz für alle Lebensbereiche, der Scharia und unter dem einen Führer des Islam leben. Die geistliche und weltliche Führung soll nicht unterschieden und gespalten sein, sondern eine unumschränkte Macht des einen Kalifen. Auf der jeweils für bestimmte Gebiete unter dem Kalifen stehenden Regierungsebene soll ein „Emir“ (= Befehlshaber) herrschen, dem auch unbedingter Gehorsam und Folge zu leisten ist5. Der Prophet sagte: „Höre und gehorche, sogar wenn der Herrscher dich einsperrt oder deinen Rücken schlägt“ (Hadith Muslim 6/19).

 

Alles zielt auf Einheit und Einheitlichkeit, auf Gehorsam und Uniformität in allen Lebensbereichen. Jeder Dualismus, jede Pluralität, jede Opposition auf religiösem, weltlichem und auch persönlichem Gebiet werden als Angriff auf die umfassende einheitliche Herrschaft Allahs verstanden, verboten und bestraft. So wird der Übertritt eines Muslims zum christlichen Glauben nicht als persönliche und private Angelegenheit, sondern als Verrat und Anschlag auf die Einheit der muslimischen Gemeinschaft und auch auf die Einheit und Ehre der Familie aufgefasst und mit Todesstrafe bedroht.

 

Generell stört die Existenz anderer Religionen die Einheit der Anbetung Allahs. Alle Menschen sollen in Einheit Allah anbeten. Deshalb besteht auch die Verpflichtung und der Drang, Anhänger und Völker anderer Religionen unter den Islam zu bringen, auch mit kriegerischen Mitteln („Dschihad“). Auch Forderungen nach Frauenrechten und Demokratie werden als Störung der Einheit der muslimischen Gemeinschaft gesehen. Diese unduldsame und gewalttätige "Ideologie der Einheit" haben Kritiker als "Islam-Faschismus" bezeichnet. Vor dem Hintergrund verwundert es nicht, dass es in der Zeit des Nationalsozialismus mit seinem Hang zur Uniformität des Denkens und Handelns, seiner Gleichschaltung und seinem Führerprinzip, es gegenseitige Sympathien gegeben hat. So arbeitete der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Hussein (1893 – 1974), ab 1937 eng mit den Nationalsozialisten zusammen.6

 

Die derzeitige weltweite politische Realität steht jedoch dem Tauhid-Ideal entgegen. Es gibt nicht den einen muslimischen Staat mit dem einen Kalifen. Seit Untergang des Osmanischen Reiches gibt es weder ein islamisches Großreich, noch einen Kalifen. Doch besteht nach wie vor große Sehnsucht nach einem machtvollen gerechten Führer aller Muslime, nach einem wahren Kalifen. Ein neuer Kalif könnte nur im Konsens bestellt oder gewählt werden. Es könnte sich allerdings auch einer kraft eigener Macht zum Kalifen ausrufen7. Zu all dem ist es bisher nicht gekommen.

 

Es gibt nur etliche islamische Nationalstaaten. Deren Führer werden nun in der vergleichbaren Stellung und Vollmacht regionaler Emire (Machthaber) gesehen, unabhängig davon welche Titel sie führen, ob Emir, König, Sultan oder Präsident. Diese sind dann den Prinzipien des Tauhid und der Scharia verpflichtet. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich in den arabischen und islamischen Staaten bis heute keine Demokratien, sondern nur "Einheitsparteien" und Autokraten8 etabliert haben. Eine Ratsversammlung („Schura“), ein Kronrat und auch ein Parlament kann nur beratende Funktion haben. Die letzte Entscheidung muss beim König oder Präsidenten bleiben, seine einheitliche umfassende Macht darf nicht geteilt werden. Im Iran hat solche absolute Stellung ein „Oberster Rechtsgelehrter“, derzeit der Ajatollah Ali Chamenei, beraten von einem mehrköpfigen „Wächterrat“. Der Staatspräsident ist nur nachgeordnetes Vollzugsorgan mit begrenztem Spielraum. So hat zur Zeit der Iran die reinste Form einer islamischen Theokratie.

 

Die westliche Trennung der Staatsgewalt in Gesetzgebung, Regierung und Justiz, wie auch der Parlamentarismus, die Parteiendemokratie und eine plurale Presse sind mit dem zur uniformen Einheit strebenden muslimischen Tauhid-Denken nicht vereinbar. Dennoch hat sich nach den modernen internationalen Erfordernissen neben der Scharia auch ein Stück weit eine weltliche Gesetzgebung in den muslimischen Staaten etabliert. Islamische Regierungen vertreten auch nicht mehr, zumindest nicht mehr offen, die Absicht, dass sie die Welt, ggf. auch mit Waffengewalt („Dschihad“), unter der Einheit des Islam vereinigen wollen.

 

Die traditionsgebundenen salafistischen Muslime, wie die Muslimbrüder Ägyptens und Nordafrikas, versuchen aber wieder das islamische Ideal des Tauhid herzustellen. Die terroristischen „Al Qaida“ (= Fundament) und Afghanistans „Taliban“ (= Schüler), Nigerias „Boko Haram“ (= westliche Bildung ist Sünde) und die IS-Terroristen im Irak und in Syrien versuchen mittels Waffengewalt, Brutalität und Terror („Dschihad“) die Zugeständnisse an die Moderne wieder rückgängig zu machen und den Tauhid des Islam in allen Lebensbereichen gewaltsam durchzusetzen. Der Anführer des ISIS hat sich zum Kalifen9 aller Muslime ausrufen lassen.In vergleichbar brutaler Weise hatte die Familie Saud im Bündnis mit der islamischen Sekte der Wahhabiten 1924-26 die Königsmacht in Arabien erobert.

 

So bleibt die brutal realistische Spannung, ob und in wie weit das Tauhid-Denken innerhalb des Islam Bestand haben oder überwunden werden kann. Das Tauhid-Denken ist nicht nur in den Köpfen der islamischen Terroristen, sondern auch in den Köpfen der herrschenden Mehrheit der islamischen Theologen.Nur, dass sie diese Tauhid-Gedanken nicht alle unbedingt gewalttätig umsetzen wollen. Grundsätzlich stellt sich an sie die Frage, weshalb eigentlich der Glaube an den einen Allah zu all den Denk-Konsequenzen des Tauhid führen muss?

 

Auch die abendländische Geschichte ist eine Phase päpstlich-kirchlicher Oberherrschaft durchlaufen. Die mittelalterliche Kirche überwachte die Erkenntnisse der Wissenschaft und steuerte die weltliche Politik. Kirche und Staat waren eng miteinander verflochten. Die Könige und Fürsten setzten für ihre Herrschaftsbelange die Kirche ein. Die Kirche setzte für ihre Interessen selbst militärische Gewalt ein oder bediente sich der staatlichen Gewalt. Sie forderte zu Kreuzzügen auf, führte Ketzer- und Hexenprozesse, überwachte und beschränkte Forschungs-, Denk- und Gewissensfreiheit. Lange Zeiten des Ringens zwischen Staat und Kirche folgten. Das alles waren furchtbare Irrwege und standen im offenen Gegensatz zur Lehre Jesu und des gesamten Neuen Testaments.

 

Jesus hat die Versuchung des Satans, ein weltliches Reich zu errichten und darin als König zu herrschen, erkannt und abgewiesen und Jesus entzieht sich auch dem Volk, als es ihn zum König ausrufen will (Mt. 4, 8f.; Joh. 6,15). Als Pilatus ihn beim Verhör fragte, ob er der König der Juden sei oder werden wolle, antwortet im Jesus: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dieser Welt" (Joh. 18,36).

 

Entsprechend lehrt die lutherische Reformation: Ja, Gott ist der Herr über alles, über alle Lebensbereiche, er regiert die ganze Welt und alle Menschen. Aber Gott herrscht auf zwei unterschiedliche mittelbare Weisen. Einerseits durch seine Kirche alleinmit seinem Wort, ohne allen Zwang und alle Gewalt und andererseits durch weltliche Regierungen. Diese sind für die Unversehrtheit und den Schutz des leiblichen Lebens ihrer Bürger verantwortlich. Zur Abwehr des Bösen und Wahrung des Rechts dürfen sie auch äußere Mittel der polizeilichen und militärischen Gewalt anwenden. Das sind die zwei zu unterscheidenden Regierweisen Gottes („zwei Regimente“ oder „zwei Reiche“). Die der Reformation nachfolgende Aufklärung und Säkularisierung zwangen auch die Römisch-katholische Kirche zu einem entsprechenden Meinungs- und Verhaltenswandel.

Von einer vergleichbaren Sicht ist die herrschende Mehrheit der islamischen Theologen weit entfernt.

 

 

Ausbreitung des Islam durch heiligen Krieg - „Dschihad“

 

Mohammed hatte die Erfahrung gemacht, dass er seine Lehre weniger durch Predigt, aber um so besser durch militärisch-politische Unterwerfung und politische Machtübernahme ausbreiten konnte. Das hat sich im Koran und der Sunna niedergeschlagen. Dem Islam wohnt nachweislich ein aggressives Gewalt-, Eroberungs- und Kampfpotential inne. Das hat auch die Geschichte bewiesen. Die friedliche Ausbreitung des Islam, wie die Islamisierung der Turkvölker in Mittelasien vor ihrer Einwanderung in die heutige Türkei und die Ausbreitung über Kaufmannskolonien und Auswanderungsgemeinden waren Ausnahmen. Der Islam ist auf militärischem Wege in einem Siegeslauf von der arabischen Halbinsel über den Nahen und Mittleren Osten bis nach Südosteuropa und Nordindien sowie über Nordafrika bis nach Westeuropa vorgedrungen.

 

Der Islamwissenschaftler Peter Heine schreibt sogar von einer Unumkehrbarkeit der Eroberungen10: „Gehörte ein Territorium einmal zur „dar al-Islam“, war dieser Zustand nicht mehr rückgängig zu machen, auch wenn sich das Kriegsglück einmal gegen die Muslime wandte und sie das entsprechende Gebiet verloren. Danach gehören also Teile des Balkan oder der iberischen Halbinsel immer noch zum „Gebiet des Islam“. Diese Vorstellung ist bei manchen Muslimen auch heute durchaus vorhanden.“ Bassam Tibi schreibt11: „Wo Muslime beten, entsteht islamisches Gebiet.“

 

Gläubige Muslime in der westlichen Welt behaupten heute aber, dass der Islam eine Religion des Friedens sei und bestreiten seine Militanz. Entgegen der Sprachwissenschaft behaupten manche, dass schon das Wort „Islam“ richtigerweise mit „Frieden“ und nicht mit „Unterwerfung“ zu übersetzen sei12. Im Koran wird die Botschaft Mohammeds tatsächlich als Religion des Friedens bezeichnet und dargestellt. Der übliche islamische Gruß "Salam" entspricht dem jüdischen "Schalom" – „Der Friede Gottes sei mit dir!" Solch ein Gruß ist ein Ausdruck von Friedfertigkeit.

 

Doch darf nicht übersehen werden, dass das Friedensgebot nur innerhalb der islamischen Gemeinschaft („Umma“), innerhalb des „Hauses des Islam“ gilt. Deshalb sollen sich auch nur Muslime gegenseitig mit einem „Salam“ begrüßen. Das „Haus des Islam“ wird gleichgesetzt mit dem „Haus des Friedens“, wie dann auch das Paradies im Koran als „Haus des Friedens“ bezeichnet wird („dar al-Islam“ = „dar as-Salam“).

 

Der nicht-islamische Teil der Welt aber ist das „Haus der Ungläubigen“ („dar al-Kufr“). Das „Haus der Ungläubigen“ wird aber, sogar von der gemäßigten und größten sunnitischen Rechtsschule der Hanafiten, zugleich als das „Haus des Krieges“ („dar al-Harb“) bezeichnet. „Mit der Anstrengung von Gut und Blut“13 (= „Dschihad“) sollen die Länder der Ungläubigen ins „Haus des Islam“ gebracht werden. Davon handeln mindestens 17 Suren14. Allah besteht darauf, „sein Licht zu vollenden und wird der Religion der Wahrheit Oberhand verleihen über alle Religionen“. „Rückt aus, ob leicht oder schwer, und setzt euch mit eurem Vermögen und mit eurer eigenen Person auf dem Weg Allahs ein“ (Sure 9, 33.38.41). "Die wahren Gläubigen sind die, die, welche an Allah und seinen Gesandten glauben, ohne noch zu zweifeln, und mit Gut und Blut für die Religion Allahs kämpfen. Allah liebt die, welche für seine Religion in Schlachtordnung gereiht so kämpfen, als wären sie ein metallhartes Bauwerk“ (Suren 49, 16; 9, 41; 61, 5.11). Da wird sogar der Grundsatz gebrochen, dass sich Allah nicht an feste Zusagen bindet, sondern da ergeht die Verheißung, dass der im "Heiligen Krieg" Umgekommene direkt ins Paradies eingehen15und zur Belohnung 72 Jungfrauen und unzählige Sklaven erhalten werde. Abfällig wird über die geurteilt, die nicht kämpfen, sondern „daheim sitzen bleiben“ (Sure 9, 81 ff.).

 

Die Forderung, Frieden zu halten, gilt nur innerhalb der weltweiten islamischen Gemeinschaft („Umma“), während Nicht-Muslime mit allen Mitteln unter die Herrschaft des Islam gebracht werden sollen. Zwischen dem Gebiet der Muslime und dem der Ungläubigen besteht also ein permanenter Kriegszustand16. Dabei sollen Muslime die Mittel wählen, die am erfolgreichsten erscheinen und opportun sind. Solche Mittel können sein: Gespräche zur „Einladung zum Islam“ („Dawa“17), Diplomatie, ein zeitlich begrenzter Waffenstillstands („Hudna“18), Täuschungstaktiken, wirtschaftliche und militärische Droh- und Kampfmitteln. Das alles ist eine religiös motivierte Kampfansage an jedes nicht-islamische Land. Deshalb gab es bei der Gründung der UNO in Hinblick auf die Verpflichtung eines jeden Mitglieds, einem Angriffskrieg abzusagen, erhebliche Diskussionen über die Aufnahme islamischer Staaten.

 

Doch im Rahmen internationaler Verflechtungen und des westlichen Übergewichts konnte man auf Dauer einen permanenten Kriegszustand des Islam gegen den Rest der Welt nicht mehr durchhalten. Deshalb haben die Ulama vor rund 50 Jahren die hergebrachten Begriffe des „dar al-Ahd“ und „dar al-Suhl“, die zu übersetzen sind mit „Gebiet des Waffenstillstands- bzw. des Vertrages“, neu interpretiert. Bis in die osmanische Zeit wurden darunter benachbarte Gebiete verstanden, mit denen man Krieg geführt, sie aber nicht besiegt und besetzt, sondern vertraglich abhängig und tributpflichtig gemacht hatte. Nun erklärten die Ulama, dass sich heute alle nicht-islamischen Staaten in einem dauerhaften Status eines „Vertragsgebietes“ befänden, solange die dort wohnenden Muslime ungehindert ihren Glauben ausüben können.19 Diese Staaten müssten nicht mit Dschihad erobert werden und brauchten deshalb keine Befürchtungen mehr zu haben. Die dort lebenden Muslime hätten sich aber dafür einzusetzen, dass ihre Rechte gewahrt und ausgeweitet werden und sie zum Islam einladen („Dawa“). Wäre die ungehinderte Ausübung ihrer Religion nicht mehr gewährleistet, dann würde das „Gebiet des Vertrages“ („dar al-Ahd“) wieder in den Charakter eines Kriegsgebietes („dar al-Harb“) zurückfallen. In solchem Bewusstsein leben heute viele orthodoxe Muslime in der westlichen Welt.

 

Die Aussagen des Koran und der Sunna über den Dschihad versuchen muslimische Repräsentanten in der westlichen Welt auch noch auf andere Weise herunter zu spielen. Sie wenden ein, dass schon die Übersetzung von Dschihad mit „heiliger Krieg“ nicht zutreffend sei. Es gebe nämlich den im Vordergrund stehenden „Großen Dschihad“, womit der Muslim auffordert wird, die Bosheit und Sünde in seinem Herzen zu bekämpfen. Doch die o.a. Koranverse sprechen nicht von solchem geistigen Dschihad, sondern vom bewaffneten Kampf. Erst der bedeutende persische Islam-Theologe Al Ghazali (1059-1111) hat zusätzlich den geistigen Dschihad als „Großen Dschihad“ in die Suren neu hinein interpretiert. Wer ihm darin folgt, muss dennoch zugegeben, dass eben auch noch der sogenannte „Kleine Dschihad“, der Kampf mit der Waffe, gefordert ist. Da wird dann eingewandt, dass der Kampf mit der Waffe nur zur Verteidigung des Islam zugelassen sei. Doch kann die „Verteidigung des Islam“ erfahrungsgemäß sehr weitgehend interpretiert werden. Ein Vorbild dafür ist Mohammed selbst. Schon die Existenz eines anderen nicht-islamischen Staates kann als Infragestellen und damit Bedrohung des weltweiten Anspruches des Islam und der Umma betrachtet werden.

 

Weiter wird oft beschwichtigend eingewandt, dass ein Dschihad nur im Konsens der Umma und von ihrem autorisierten Führer ausgerufen werden dürfe. Was hilft das aber, wenn sich regionale islamische Herrscher zum wahren Führer oder Kalifen der Muslime aufwerfen, als wahre Muslime nur ihre Anhänger bezeichnen und diese dann zum Dschihad aufrufen? Dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte, wie der Dschihad des Mahdi im Sudan von 1881-99. Und die Kampfverbände der Wahhabiten haben von etwa 1913 – 26 mit schwarzen Fahnen Dschihad gegen alle Nicht-Wahhabiten geführt, Massaker an der Zivilbevölkerung geübt, geplündert und die Heiligengräber in Mekka und Medina zerstört. Auf diese Weise hat sich das Königshaus Saud in Arabien etabliert. Derzeit praktizieren die Terrorkämpfer des „Islamischen Staates im Irak und Syrien“ unter Führung ihres selbsternannten Kalifen entsprechendes.

Sie berufen sich u.a. auf Sure 5, 34: "Doch der Lohn derer, welche sich gegen Allah und seine Gesandten empören und sich bestreben, nur Verderben auf der Erde anzurichten, wird sein: dass sie getötet oder gekreuzigt oder ihnen Hände und Füße an entgegengesetzten Seiten abgehauen oder dass sie aus dem Lande verjagt werden. Das ist die Strafe in dieser Welt, und auch in jener Welt erwartet sie große Strafe."

Solche „Strafen“ vollziehen sie in grausamer und blutiger Weise.

 

Jesus hat dagegen seinen Jünger strikt untersagt, mit Gewalt für ihn und den Glauben einzutreten. Allein mit dem Wort, ohne allen Zwang, soll das Evangelium ausgebreitet werden. Als man Jesus verhaftet und der Petrus dies verhindern will, spricht Jesus zu ihm: "Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, dass ich nicht könnte meinen Vater bitten, dass er mir zuschickte alsbald mehr als zwölf Legionen Engel?“ (Mt. 26, 51 f.).

 

Mancher verweist als Vergleich zum Dschihad kritisch auf den schonungslosen Krieg Israels gegen die Kanaanäer (5. Mose 7, 1 ff. – „großer Bann"). Doch der Krieg Israels gegen die Kanaanäer war eine einmalige Situation. Er war von Gott unmittelbar befohlen - zum Gericht über die Kanaanäer und zur Landnahme Israels. Die weiteren Kriege Israels waren keine Heiligen Kriege mehr, und kein Richter oder König Israels hatte von sich aus das Recht, einen "Heiligen Krieg" auszurufen.

 

Zugegeben, es hat auch Kreuzzüge und Glaubenskriege der Christenheit gegeben, aber nach den Worten Jesu ist es Christen ausdrücklich verboten, für ihren Glauben Zwang und Gewalt anzuwenden. Glaubenskriege und Zwangsbekehrungen sind nicht nach Gottes Willen, sondern Sünde. Die Kreuzzüge20 wurden zwar als Glaubenskriege deklariert, was aber im klaren Gegensatz zu Jesu Wort und Auftrag stand. Der Unterschied zum Djihad ist, dass dieser im Koran verankert und damit verbindliche Lehre des Islam ist, während nach dem Neuen Testament ein Krieg aus Glaubensgründen ausdrücklich verboten ist.

 

 

Dagegen fordert der Koran auch Gewalt und Krieg zur Ausbreitung des Islam einzusetzen. Die islamischen Terroristen und Attentäter können sich also durchaus auf den Koran berufen. Ihnen dieses oder das "Muslim-sein" absprechen zu wollen, ist von dem Interesse geleitet, nicht den gesamten Islam und Koran weltweit in Verruf zu bringen. Doch die "Lehre vom Dschihad" ist wie ein "Vampir des Dracula", der von Zeit zu Zeit aus der Gruft steigt, um sich mit Menschenblut wieder neu zu beleben. Oder wie ein aus dem Krieg übrig gebliebener "Blindgänger", der unkalkulierbar ist. Er kann zu jeder Zeit explodieren, aber vielleicht verrottet er auch nur.

 

Frage und Risiko ist und bleibt also, ob und inwieweit Muslime bereit sind, den Kampfbefehl des Korans aufzugreifen. Nüchtern und dankbar müssen wir feststellen, dass die überwiegende Mehrheit der bei uns lebenden Muslime nicht zur Gewalt bereit ist. Es mag bei ihnen auch Opportunismus mitspielen, aber bei den meisten wird es wohl die noch verbliebene natürliche Gotteserkenntnis sein (Röm. 1; Apg. 17, 22 ff.), die instinktiv Gewalt und Töten als etwas Böses und Verbotenes begreift. Ein beträchtlicher Teil der Muslime ist auch weitgehend verweltlicht. Sie nennen sich Muslim, weil sie das als Stück ihrer Herkunft und kulturellen Tradition begreifen und wollen selbst nur in Sicherheit und Wohlstand leben. Vor religiösen Eiferern haben sie selbst Angst, sowohl hier in Deutschland als auch in ihren Heimatländern. Man unterhalte sich einmal mit Exilanten aus dem Iran oder Afghanistan oder mit den vielen säkularen Türken oder Ägyptern. Der strenge gesetzlich-rechtgläubige Islam wird von ihnen missbilligt, aber pauschal verwerfen sie den Islam nicht. Dies käme ihnen wie eine Leugnung Gottes vor.

 

Man darf also nicht in jedem Muslim einen "terroristischen Schläfer" vermuten. Gerade Christen sollen keine Feindbilder von Menschen aufbauen, sondern Nächstenliebe üben, auch gegenüber Andersgläubigen. Man darf den einzelnen Muslim nicht einfach mit der gewalttätigen Seite des Islam identifizieren. Jesus Christus will, dass auch diese Menschen zu seiner Gnade und Erlösung hinzugerufen werden. Deshalb: Wo sich die Möglichkeit bietet, ist missionarisches und damit vorbildhaftes Auftreten und Reden mit Muslimen gefordert, ohne dabei jedoch irgendwelche faulen Kompromisse mit ihrer Religion einzugehen. Wer kein Herz für diese Menschen, ihre Lebensweise und Geschichte hat, der wird auch keinen persönlichen und missionarischen Zugang gewinnen. Zusammengefasst bedeutet das: Ein „Ja“ zu den Menschen muslimischen Glaubens, aber ein konsequentes „Nein“ zu der militanten antichristlichen Religion und Ideologie des Islam.

 

Detlef Löhde

 

Weiterlesen: Islam und Islamismus

 

 

Fußnoten

 

1 Theokratie - „Gottesstaat“ = ein religiöser Führer regiert den Staat sowohl geistlich als auch weltlich

 

2  Das Wort „Tauhid“ findet sich nicht direkt im Koran, aber „Wahid“, wovon Tauhid abgeleitet ist.

 

3  Dogma = Festgelegter unveränderbarer Glaubenssatz

 

„Sultan“ ist der (Königs-) Titel als weltlicher Herrscher, „Kalif“ der Titel als religiöses und zugleich weltliches Oberhaupt aller Muslime, statt „Kalif“ kann auch vom „Imam“ gesprochen werden.

5 Sure 4, 59

 

6

Nach einem gescheiterten prodeutschen Putsch im Irak floh er 1941 nach Berlin, führte zur Festigung der Kampfbereitschaft von Überläufern und Sympathisanten aus der Sowjetunion und dem Balkan islamische Religionskurse durch. Er wurde von Hitler empfangen, war mit Adolf Eichmann befreundet und drängte auf die Judenvernichtung.

 

 

Ein Kalif der Sunniten sollte ursprünglich von den regionalen Befehlshabern (Emiren) gewählt werden. Doch hatten sich schon früh familiäre Kalifen-Dynastien etabliert, Umayaden, Abbasiden, Fatimiden... Wenn aber einer große Macht erringt und sich selbst zum Kalifen ausruft, dann ist er als Kalif zu akzeptieren, denn Allahs Vorsehung hat ihn dazu bestimmt.

 

8 „Alleinherrscher“, Diktator

 

9

Da er, gemessen an der weltweiten Gesamtzahl der Muslime, doch nur eine sehr kleine Gefolgschaft hat, wird sein Kalifat nicht anerkannt, sondern als eigenmächtige lästerliche Anmaßung verworfen.

 

10

Peter Heine, „Terror in Allahs Namen – Extremistische Kräfte im Islam“,    S. 23, Verlag Herder, Freiburg Breisgau, 2001

 

11 Bassam Tibi, „Kreuzzug und Djihad“, S. 69, Goldmann-Verlag, 2001

 

12

Wie im Hebräischen werden auch im Arabischen nur die Konsonanten ohne Vokale geschrieben. Wenn also im Text die Konsonanten s l m stehen, dann kann man mit i und a vokalisieren zu Islam, oder mit a und a zu Salam – Frieden. Wie jeweils zu vokalisieren ist, ergibt sich aus dem Textzusammenhang. In Bezug auf Allah und die Religion ist zu vokalisieren „Islam“ – Unterwerfung.

 

13 

Sure 9, 20: Diejenigen, die glauben und ausziehen und mit ihrem Gut und Blut für Allahs Sache kämpfen, nehmen den höchsten Rang bei Allah ein.

 

14    z. B. Suren 2, 216; 4, 74-77.

 

15 Suren 9, 38.41; 47, 5-7; 61,11-13

 

16 Peter Heine, a.a.O., S. 24; Bassam Tibbi, a.a.O., S. 78-81

 

17

„Dawa“ = Ruf zum Islam, Programm der 1928 gegründeten „Muslimbruderschaft“ mit ihren Ablegern in der ganzen arabischen Welt und auch Programm der „Islamischen Weltliga“.

 

18

Nach Sure 9, 1, dem historischen Vorbild Mohammeds, kann mit Ungläubigen ein zeitlich begrenzter und kündbarer Waffenstillstand geschlossen werden. Zum Beispiel ist die Hamas gegenüber Israel nur bereit, über eine Hudna zu verhandeln.

.

19

Peter Hein, a.a.O., S. 25;

Angelika Hartmann, „Geschichte und Erinnerung im Islam“, S. 97, Vandenhoeck & Ruprecht, 2004;

Elisabeth Heidenreich, „Sakrale Geographie: Essay über den modernen Dschihad und seine Räume“, S. 75, 76; transcript Verlag Bielefeld, 2010

 

20

Historisch ist festzustellen, dass die Kreuzzüge eine Reaktion waren auf die islamische Zerstörung der Grabeskirche (1009), auf Gräueltaten an den christlichen Bevölkerungsteilen und die Sperrung Jerusalems für christliche Pilger.

Bassam Tibi, a.a.O., S. 43, 53, schreibt: „Der Djihad ist mehr als dreihundert Jahre älter als die Kreuzzüge.“ und „dass die ersten 10 Jahrhunderte christlicher Geschichte vom „Heiligen Krieg“ frei waren.“ Die Kreuzzüge sind „als Antwort auf den islamischen Djihad, sozusagen als Gegen-Djihad zu deuten“.

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